KMK zu Lehrermangel: Neue Prognose geht von Lücken - und Überangebot aus

05.12.2019, 19:33 Uhr SPIEGEL PANORAMA

Prognose der Kultusministerkonferenz: Es wird zu wenige Lehrer geben - und zu viele

 

Die neue Prognose zum Lehrermangel klingt paradox: Von Lücken und einem gleichzeitigen Überangebot ist die Rede. Das erklärt sich, wenn man die Lage der unterschiedlichen Schulformen betrachtet.

Der Lehrermangel wird die Schulen in den kommen zehn Jahren ganz unterschiedlich belasten. Das zeigen neue Modellrechnungen der Kultusministerkonferenz (KMK). Demnach erwarten die Kultusminister je nach Bundesland und Schultyp einerseits drastische Lücken - und andererseits ein Überangebot an Lehrkräften.

Eine entsprechende Prognose mit dem Titel "Lehrereinstellungsbedarf und -angebot in der Bundesrepublik Deutschland 2019 - 2030" hat die KMK am Donnerstag in Berlin beschlossen. Das Papier liegt der Deutschen Presse-Agentur vor. Es listet auf, wie groß der Bedarf an Lehrern pro Jahr, Bundesland und Schultyp voraussichtlich sein wird und mit wie vielen verfügbaren Lehramtsabsolventen zu rechnen ist.

 

Die wichtigsten Befunde:

  • Engpässe an Haupt-, Real- und Berufsschulen: Bis zum Jahr 2030 rechnen die deutschen Kultusminister durchgängig vor allem mit Engpässen an Berufsschulen und Schulen der Sekundarstufe I (Haupt- und Realschulen).
  • Überangebot an Gymnasiallehrern: Gleichzeitig gehen die Länder ebenfalls durchgängig davon aus, dass es mehr Gymnasiallehrer geben wird, als benötigt werden, und zwar deutschlandweit.
  • Kurzfristige Lücke an Grundschulen: An den Grundschulen stellt sich die Lage differenzierter dar. Bis einschließlich zum Jahr 2023 prognostizieren die Kultusminister hier eine sehr große Lücke von insgesamt rund 12.400 fehlenden Lehrern, sie sprechen bis dahin von einer sehr angespannten Situation.

Trendwende in fünf Jahren: Ab 2024 kehrt sich der Trend der KMK-Prognose zufolge jedoch um. Dann wird auch an den Grundschulen rechnerisch ein Lehrerüberschuss erwartet, ab 2027 sogar ein deutliches Überangebot.

 

Streit über die richtigen Zahlen

Grundsätzlich erwarten die Länder, dass sich der durchschnittliche Einstellungsbedarf in fast allen Schulbereichen im Vergleich zu den Prognosen aus dem vergangenen Jahr erhöht. Als Hauptgründe nennen sie steigende Schülerzahlen, weil in Deutschland mehr Kinder geboren werden und aufgrund von Zuwanderung.

Vor allem über die Lage an den Grundschulen war zuletzt heftig diskutiert worden. Die Bertelsmann Stiftung hatte im September eine Studie veröffentlicht, wonach die KMK mit ihrer bisherigen Prognose zum Lehrerbedarf ziemlich daneben lag und von falschen Zahlen ausgegangen war. Der Lehrermangel sei viel gravierender als von der KMK angenommen, mahnten die Studienautoren. Bei der KMK räumte man ein, mit veralteten Daten gearbeitet zu haben.

Der Bertelsmann-Studie zufolge fehlen bis zum Jahr 2025 mindestens 26.300 Lehrer an Deutschlands Grundschulen. Diese Prognose wiederum sieht etwa Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, kritisch: "Weil sie nämlich die Bedarfslücken von Jahr zu Jahr addiert und nicht berücksichtigt, dass die Länder den größten Teil der Bedarfslücken durch Quereinsteiger füllt, die aber eine dauerhafte Anstellung erhalten".

 

Wer kann die Lücken füllen?

Im Grundschulbereich rechnen die Länder mit deutlich steigenden Absolventenzahlen im Lehramt ab Mitte der 2020er-Jahre. Jährlich erwarten sie dann rund 8000 junge Menschen pro Jahr, die ihre Ausbildung zum Grundschullehrer abschließen - rund 2000 mehr als heute.

Die Jobchancen für angehende Lehrer bleiben der KMK-Prognose zufolge gut. Es bestünden mit Ausnahme des Gymnasialbereichs deutschlandweit bis 2030 "gute Einstellungschancen im Schulsystem".

Die neuen Modellrechnungen der Länder zur voraussichtlichen Lücke zwischen Lehrerbedarf und Angebot geben allerdings keinen Aufschluss über den eigentlichen Lehrermangel an den Schulen, wie die KMK in ihrem Papier ausdrücklich betont. Begründung: Die Länder steuern jedes Jahr mit Maßnahmen wie der Reaktivierung von Lehrern im Ruhestand oder dem Einsatz von Quereinsteigern der Personalnot entgegen.

 

Derzeit gibt es in Deutschland den Angaben zufolge knapp 800.000 hauptberufliche Lehrer.

 

Quelle:

https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/kmk-zu-lehrermangel-neue-prognose-geht-von-luecken-und-ueberangebot-aus-a-1299909.html?sara_ecid=soci_upd_KsBF0AFjflf0DZCxpPYDCQgO1dEMph